Am nächsten Tag war Harris nicht in der Schule. In sechs Jahren hatte ich nie erlebt, dass er vor dem Mittagessen nicht irgendwo auftauchte. Mittags fragte ich im Büro nach.
Mrs. Cole senkte die Stimme. „Er ist krank zu Hause. Die ganze Woche.“
Ich wartete bis zum Ende des Unterrichts, bekam Harris’ Adresse unter dem Vorwand, eine Karte vorbeizubringen, und fuhr in eine schmale Straße am Stadtrand – Brot, Suppe, Obst und Tee auf dem Beifahrersitz.
Sein Haus war klein, verwittert, mit abblätternder weißer Zierleiste und einer leicht schiefen Veranda. Ich klopfte. Die Tür ging von selbst ein Stück auf.
„Harris?“ rief ich.
Keine Antwort. Dann leise von oben ein Husten.
Ich trat ein, in der Annahme, einen kranken Mann zu besuchen, und fand mich stattdessen in meiner eigenen Kindheit wieder.
Als erstes fiel mir der Geruch auf. Altes Holz, Möbelpolitur und… Ringelblumen.
Es traf mich wie ein Schlag in die Brust, weil ich diesen Geruch aus einer tiefen, alten Erinnerung kannte. Dann drehte ich mich zur Treppe und sah das gerahmte Foto auf einem Tisch darunter.
Ein Frauenporträt. Kerzen. Frische Ringelblumen in einem Glas.
Die Erkenntnis kam nicht Stück für Stück. Sie kam auf einmal.
„Catherine“, flüsterte ich.
Ich ging die Treppe hoch und wusste schon, bevor mein Verstand die Antwort gefunden hatte, dass Harris im Schlafzimmer wartete – angelehnt ans Kopfteil, unter einer Decke, Wangen gerötet vom Fieber. Er sah überrascht aus.
„Miss Angela?“